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Ein Interview von Joerg Plath
DER TAGESSPIEGEL (BERLIN)
4. Januar 2003

Sehnsucht nach Dreck und Kraft

Der Abenteurer, Hegelforscher und Schriftsteller Stefan Sullivan über sibirische Schamanen und den Mystizismus bei Buxtehude

 
Mister Sullivan, Ihr Leben als Forscher, Spion und Autor war bisher so turbulent, dass es mühelos für zwei Menschen reicht.

Ich koste immer nur ein bisschen, anstatt mich satt zu essen. Daher ist „Sibirischer Schwindel“ auch eine Lobrede auf den Dilettantismus.

Im Jahre 1966 begann alles noch recht undramatisch. Sie wurden als Sohn eines Amerikaners und einer Deutschen geboren und wuchsen wohl behütet auf . . .

Meine Eltern haben sich in den Staaten kennen gelernt. 1969 zogen wir nach Oberbayern. Deutsch war also meine erste Sprache. Und obwohl ich später in Amerika aufgewachsen bin, habe ich ein intimes, fast romantisches Verhältnis zu Deutschland behalten, dazu naive Erinnerungen: Kinderlieder, Tannenwälder, Zwiebelturmkirchen, Gerüche von Braunkohle, Teer und Heizungsöl.

Sie haben später in den USA Politik und Slawistik studiert.

Ich wollte in den diplomatischen Dienst. Der Osten war in der ReaganZeit das Reich des Bösen. Das machte mich neugierig. Mit 22 habe ich als Sowjetologe in einem Washingtoner Forschungsinstitut eine Studie für die CIA erarbeitet. 1989 ging ich nach Oxford, um meine Doktorarbeit über Hegel zu schreiben. Ich hatte viel Zeit, spielte Schach, trat abends in einer Kneipe als Pianist auf und bin bis 1996 immer wieder nach Russland gereist. Insgesamt habe ich aber nur ungefähr zwei Jahre dort gelebt.

Was haben Sie in Russland getan?

Jedesmal etwas anderes. Russland veränderte sich sehr schnell, doch mit guten Sprachkenntnissen war man überall als Experte willkommen. Man musste nur mitspielen, Russland war damals eine vergleichsweise offene Gesellschaft. Anfangs ging es nur um Rüstung und Abrüstung. Als die Sowjetunion unterging, rückten Geschichte und Ethnologie in den Vordergrund. Ich interessierte mich für Unabhängigkeitsbewegungen und schrieb über sibirische Volksbräuche und das Land Tuwa an der mongolischen Grenze. Dann arbeitete ich sechs Monate für eine Wohlfahrtsorganisation, die Frieden nach Abchasien und Tschetschenien bringen wollte. Schließlich kam der Kapitalismus. Ich habe dann schnell meine Doktorarbeit abgegeben und bin 1994 in Handelsgeschäfte eingestiegen.

In Ihrem Buch „Tagebuch einer Cowboyklitsche“ verstecken sich hinter einem Gebrauchtwarenhandel mehr als 10 Briefkastenfirmen. Was haben Sie damals verkauft?

Alles mögliche. Moderne Kunst, Motorräder, Jeeps.

Und dabei sind Sie ein reicher Mann geworden?

Reich nicht, aber ein armer Student war ich nicht mehr. Wir haben ein paar tausend Dollars verdient. Doch der Handel hat mich nicht interessiert. Eher seine dramatischen Aspekte.

Inwiefern dramatisch?

Das Kombinat Izhmashzavod zum Beispiel stellte nicht nur die Motorräder her, die wir exportieren wollten, sondern auch das Gewehr AK 47, und so schlug uns der Außenhandelsmanager ganz zwanglos einen größeren Waffendeal vor. Eine unerwartete, aufregende Volte. Wir lehnten übrigens ab.

Wie konnten Sie als 28-jähriger Intellektueller die Rolle eines dynamischen Managers länger als fünf Minuten durchhalten?

Ziemlich mühelos. Wie im Rausch war alles möglich. Es war die klassische Zeit der Spekulanten, Hochstapler und Glücksritter. Kein Russe hatte eine westliche Ausbildung. Das ist vorbei. Heute ersetzen viele russische Harvard-Absolventen die Ausländer.

Vor dem Handel haben sie ethnologische Forschungen betrieben. Gab es in der Sowjetunion denn Material über die Völker an der Peripherie?

Vor Ort kaum. Ich habe oft hinterher recherchieren müssen. Dabei bin ich auf die Verbannten gestoßen. In Jakutsk, der Hauptstadt von Jakutien, wo mein Roman „Platons Tundra“ spielt, lebten vor der Revolution viele Verbannte, die dann in den 20er und 30er Jahren hohe Posten innehatten.

Die zahlreichen in „Platons Tundra“ erwähnten Personen und Bücher ...

... sind meist verbürgt. Vervollständigt habe ich die Lebensgeschichte von Platon Ojunskij, dem Revolutionär und Verfasser des Buches „Roter Schamane“.

Ihren Büchern nach zu urteilen scheinen Sie sich gut amüsiert zu haben in Russland.

Ich musste viel destillieren, um diese Vergilsche Tour durch die verrückte arktische Hauptstadt und durch die Traditionen des Schamanismus zu verfassen. Der Schamane ist ja Tänzer, Heiler, Musiker, Prophet – all das, was heute in der Kunst aufgehoben ist.

Warum gingen Sie nach Sibirien und nicht nach Moskau?

Ich musste ins Ursprüngliche. Ich wollte das Sibirien kennen lernen, von dem der sozialistische Realismus so kitschig erzählt. Nach einer ziemlich intellektuellen Laufbahn war das vielleicht eine Regression in die Kindheit – oder eine Regression in eine rohe Männlichkeit: Schwerindustrie und Hinterkipper, Metall, Dreck und Kraft. Davon war auch Majakowski begeistert. Für mich war es ein faszinierendes Erlebnis.

Sibirien, heißt es in „Platons Tundra“, sei ein „moralisch zweideutiges Universum“. Ihr Erzähler erlebt einige drastische Situationen.

Die männliche, tierische Lustbefriedigung wird in Sibirien nicht zensiert, sondern erwartet. Das ist besonders für einen Amerikaner ziemlich seltsam. Manche Erlebnisse hinterlassen einen schalen Nachgeschmack. Der Roman spitzt das alles ein wenig zu.

Später haben Sie als Hubschrauber-Diplomat den Frieden in Abchasien mit vorbereiten helfen.

Das war nicht ungefährlich. Wir sind hin und her geflogen und haben einige Male sogar mit Schewardnadze gesprochen. Jede Seite war fanatisch. Aber mich hat besonders die Naivität der Wohlfahrtsorganisation enttäuscht.

Haben Sie vor ihren zwei Romanen schon literarisch geschrieben?


Nur wissenschaftliche Aufsätze. Romane habe ich sogar sieben Jahre lang nicht gelesen. Nach der Lektüre von George Lukács erschienen mir Schriftsteller als „philosophes manqués“, die sich nicht präzis ausdrücken können und deshalb Situationen und Figuren benutzen. Also habe ich nur Substanzielles gelesen (lacht). Als ich dann meine Romane schrieb, dachte ich, die Erzählerstimme stellt sich schon ein. So war es – wenn auch nicht von Anfang an.

Sie haben in Hollywood einen Preis für Ihr Manuskript erhalten, das nun wohl verfilmt wird. Als Buch ist es auf Englisch nicht erschienen. Dass es nun zuerst in Deutschland veröffentlicht wurde („Sibirischer Schwindel“), ist sehr ungewöhnlich. Wie sind Sie zu Enzensbergers „Anderer Bibliothek“ gestoßen?


Ein Freund hat mir von ihr erzählt, und daraufhin schickte ich Enzensberger eine Zusammenfassung. Er las dann das Manuskript, schlug ein paar Änderungen vor und sagte zu. Vorher hatten einige Agenten in New York die Romane zu europäisch gefunden und gefragt, was das Ganze überhaupt bedeuten soll. Ich biete eben nicht die üblichen Plots. Ich wollte auch unbedingt vermeiden, was junge Autoren öfters tun: den Leser mit Ihrer Bildung zu erschlagen. Wenn das Buch in Amerika oder England noch erscheint – fein. Aber Europa ist groß genug für mich.

Zuletzt haben Sie ein Sachbuch geschrieben.

Es heißt: „Marx in a Post Communist Era: On Poverty, Corruption and Banality“. In Russland habe ich erfahren, was ein Marktkapitalismus ohne soziales Netz oder einen funktionierenden Staat bedeutet – Ausbeutung, Klassenkonflikte, brutale Armut.

Der Erzähler von „Platons Tundra“ lobt am Ende eines ekstatischen Romans die ekstatischen Elemente im Christentum.

„The Final Slum“ ist der englische Titel von „Sibirischer Schwindel“. „To slum it“ heißt: das Exotische in der Ferne oder im Elendsviertel zu suchen. Nach dem letzten Elendsviertel hat man alles erlebt, dann kann man nach Hause gehen. Mein Erzähler merkt am Schluss, dass auch die christliche Kultur die Ekstase kennt, bei Bach zum Beispiel oder im Mystizismus des norddeutschen Orgelkomponisten Buxtehude. Man muss nicht immer in die Ferne reisen.  


Das Gespräch führte Jörg Plath.